„Ein moderner Staat ist ein Standortfaktor für KI“
Interview mit Marc Danneberg, Leiter Public Sector bei Bitkom e. V., in der “VITAKO aktuell” (Ausgabe 3/26), erschienen am 1. September 2026.
Deutsche Unternehmen und Hochschulen liefern starke KI-Innovationen – doch auf dem Weg zur Marktreife scheitern viele Lösungen an bürokratischen Hürden. Warum das so ist und was sich ändern muss, erklärt Marc Danneberg im Interview.
Seine Kernthesen:
- Jedes dritte Unternehmen in Deutschland nutzt bereits KI, aber die Potenziale sind längst nicht ausgeschöpft.
- Es mangelt nicht an Ideen oder Forschung zu KI – vielmehr dauert es zu lagen, Innovationen in marktreife Produkte zu überführen und zu skalieren.
- Um daran etwas zu ändern, müssen Staat und Verwaltung sich weiter modernisieren und Bürokratie zu vereinfachen – KI kann hier auch unterstützen.
- Die Verwaltung sollte ihre Einkaufsmacht nutzen, um KI-Technologien gezielt zu fördern und voranzubringen.
Herr Danneberg, ist KI schon in deutschen Unternehmen angekommen?
Jedes dritte Unternehmen nutzt inzwischen KI. Damit liegen wir im internationalen Vergleich ungefähr im Durchschnitt, aber die Potenziale sind längst nicht ausgeschöpft. Allein generative KI könnte die Produktivität massiv steigern und schon bei einem Einsatz in der Hälfte aller Unternehmen 330 Milliarden Euro zur künftigen Bruttowertschöpfung beitragen. Interessant wird es außerdem, wenn wir mithilfe agentischer KI ganze Prozesse autonom steuern – gerade im industriellen Bereich. Ganze Logistikketten könnten automatisiert ablaufen. Eine KI würde beispielsweise frühzeitig erkennen, wann ein Gerät gewartet werden muss und direkt den Prozess anstoßen, bevor es zum Ausfall kommt. Die Effizienzsteigerung wäre ein massiver wirtschaftlicher Impuls.
Wie sieht es bei der Entwicklung eigener KI-Lösungen aus?
Eher mäßig. Allerdings mangelt es in Deutschland nicht an Ideen oder an guter Forschung – vielmehr haben wir seit jeher das Problem, dass wir unsere Innovationen nicht zügig auf die Straße bekommen. Hochschulen wie München und Aachen leisten hervorragende Arbeit und sind in der internationalen KI-Forschung absolut wettbewerbsfähig. Dazu kommt die Start-up-Landschaft, die die Entwicklung wirklich vorantreibt. Es scheitert aber daran, dass es in Deutschland und Europa häufig zu lange dauert, diese Forschungsergebnisse in marktreife Produkte zu überführen und schnell zu skalieren. Im Vergleich zu anderen KI-Hotspots fehlt es uns vor allem an ausreichendem Wagniskapital für spätere Wachstumsphasen, an bürokratischer Flexibilität und an einer durchgängig digitalen Infrastruktur. Oft bremsen übermäßig vorsichtige regulatorische Hürden und langwierige Entscheidungsprozesse. Das geht andernorts viel schneller: Im Silicon Valley entstehen schon 10 neue Start-ups, während ich hier versuche, über Wochen und Monate ein einzelnes neues Produkt erfolgreich am Markt zu platzieren.

Wie könnten die Prozesse beschleunigt werden?
Dafür braucht es vor allem einen wirklich modernen Staat. Leider ist die Verwaltung heute oft noch ein Bremsklotz. Ein echtes Hindernis sind zum Beispiel Medienbrüche zwischen Verwaltung und Unternehmen. Um einen Antrag zu stellen, muss ein Unternehmen in vielen Fällen immer noch ein PDF herunterladen, händisch ausfüllen und per Post zuschicken. Dabei wäre es technisch absolut möglich, dass Unternehmen über eigene Schnittstellen mit Behörden kommunizieren. Bei Steuer-Apps etwa, die sämtliche Daten für die Einkommensteuererklärung automatisch ziehen, kennen wir das alle schon.
Könnten KI-Tools hier Verbesserungen bringen?
Auf jeden Fall! Idealerweise können Unternehmen bald einfach mit einem Chatbot oder über Schnittstellen kommunizieren, ohne sich überhaupt noch mit den Anträgen zu beschäftigen. Wenn ich neu gründen möchte, starte ich das Antragsverfahren per Bot. Eine agentische KI auf der anderen Seite erkennt über meine elektronische Authentifizierung, welche Daten bereits vorhanden sind und fragt alles Fehlende ab. So sähe eine Verwaltung aus, die wirklich an den Bedarfen der Nutzenden orientiert ist.
Wie also müsste die Verwaltung sich verändern?
KI-Tools an sich sind kein Allheilmittel. Denn auch das beste Tool kann nur funktionieren, wenn wir zugleich in anderen Bereichen vorankommen. Es braucht kompatible Systeme zwischen den Bundesländern, moderne und miteinander verknüpfte Register, weniger bürokratische Hürden. Wichtig ist auch, dass zeitnah die Basiskomponenten über den Deutschland-Stack bereitstehen. In der Modernisierungsagenda sind die wichtigsten Grundlagen schon angelegt. Deswegen mein Plädoyer: Keine neuen Fässer aufmachen, sondern die Vorhaben jetzt zielgerichtet umsetzen!
Gibt es auch Bereiche, in denen die Verwaltung KI vorantreibt?
Die Verwaltung ist in Sachen KI selten der first mover, sondern zieht nach, wenn Lösungen im privaten Bereich bereits gut etabliert sind. Das ist auch richtig so, schließlich hängt an ihr das Funktionieren der gesamten Daseinsvorsorge. Gleichzeitig ist der Staat der größte IT-Einkäufer in Deutschland und könnte die Nachfrage stark ankurbeln. Denken Sie nur an die Vielzahl der Fachverfahren – würden die alle KI-gestützt ablaufen, wären die Skalierungseffekte enorm. Dazu kommt natürlich, dass ein mutiges Vorangehen der Verwaltung auch für mehr Sicherheit in der Wirtschaft sorgen könnte, was einen verantwortungsvollen und sicheren Einsatz von KI angeht. Diese Hebel sollten wir unbedingt nutzen und eine staatliche Nachfrage forcieren.
Was kann die Verwaltung von der Wirtschaft lernen?
Vorab: Viele Verwaltungen tun intern schon unheimlich viel und testen, was für sie gut funktioniert. Was ich aber noch häufig beobachte: In vielen Fällen geht man den zweiten Schritt vor dem ersten. Am Anfang sollte immer eine Bedarfsanalyse und die Frage nach dem konkreten Use Case stehen. In der Wirtschaft würde man so eher nicht vorgehen. Zum Start eines KI-Projekts stellt sich die Frage: Mit welchen Anwendungen und Daten arbeiten wir? Wo haben wir Lücken? Erst dann kann ich überlegen, welche KI-Lösungen und Anbieter sinnvoll sind, um Effizienzpotenziale zu heben. Damit das gelingt, muss ich einen Prozess wirklich durchdringen und kann nicht auf Lösungen von außen warten. Mit wachsender KI-Erfahrung kommt diese Denkweise aber immer mehr auch in den Verwaltungen an!
1. September 2026

